Kriminalkommissar
Gereon
Rath
Der Autor

VITA

Volker Kutscher wurde am 26. Dezember 1962 in Lindlar im Bergischen Land geboren und wuchs auf in Wipperfürth. Nach dem Studium brotloser Künste (Germanistik, Philosophie und Geschichte) arbeitete er zunächst als Tageszeitungsredakteur.

Seinen ersten Kriminalroman Bullenmord schrieb er 1996 zusammen mit Christian Schnalke. Nach weiteren, im Bergischen Land angesiedelten Regionalkrimis (Vater unser, 1998; Der schwarze Jakobiner, 2001) begann Kutscher im Jahr 2007 mit dem Roman Der nasse Fisch seine Serie um den Kriminalkommissar Gereon Rath im Berlin der 30er-Jahre. 2009 folgte der zweite Band Der stumme Tod, 2010 der dritte Rath-Krimi Goldstein, 2012 Die Akte Vaterland und 2014 schließlich Märzgefallene. Weitere Bände sind in Planung. Die Reihe soll den Ermittler Gereon Rath bis ins Jahr 1936 führen und vielleicht auch darüber hinaus.

In den vergangenen Jahren veröffentlichte Kutscher in Zeitschriften und Anthologien auch einige Kurzgeschichten, die im Gereon-Rath-Kosmos angesiedelt sind: Alex (in Jan Seghers' Krimi-Anthologie Der Tod hat 24 Türchen, 2008), Bescherung (in Gisa Klönnes Fürchtet euch nicht, 2009), Gute Beziehungen (StadtAnsichten #38, Oktober 2010), das Märchen mit Zündhölzern (SZ-Magazin #51 2010, 23. Dezember 2010, wiederveröffentlich in Jan Costin Wagners Anthologie Totenstille Nacht, 2012), Plan B (Welt am Sonntag, 14. Oktober 2012 und in der Anthologie Mord am Sonntag, 2012) sowie Dortmunder Osterfeuer und Gelsenkirchener Romanze (in den Mord-am-Hellweg-Anthologien 2012 bzw. 2014).

Für seine Rath-Romane erhielt Kutscher den Berliner Krimipreis Reinickendorfer Krimifuchs. Sein Roman Der stumme Tod wurde mit dem Burgdorfer Krimipreis ausgezeichnet, Die Akte Vaterland mit dem Krimi-Blitz, dem Publikumspreis des Online-Magazins Krimi-Couch.

Volker Kutscher lebt mit seiner Familie in Köln.

 

 

INTERVIEWS MIT VOLKER KUTSCHER

Wenn ein Autor über seine Bücher spricht, gibt er oftmals auch Auskunft über sich selbst. Im Folgenden finden Sie, mit freundlicher Genehmigung der jeweiligen Verlage, Wortlaut-Interviews mit Volker Kutscher aus den vergangenen Jahren:


mobil, September 2007:

„Der nasse Fisch“ ist ein Kriminalroman, der im Berlin des Jahres 1929 spielt. Sie sind ein junger Autor, der in Köln lebt. Wie geht das zusammen?

Das hat eigentlich schon mit meiner ersten Kästner-Lektüre begonnen. Ich war acht oder neun, da habe ich „Emil und die Detektive“ gelesen und „Pünktchen und Anton“, die beide ja auch Berlin-Bücher sind. Schon damals hat mich diese Welt fasziniert. Später habe ich sie im „Fabian“ wiedergefunden und in Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Als ich Berlin dann Anfang der 80er das erste Mal besuchte, habe ich mich gleich auf Spurensuche gemacht und war erstaunt, wieviel von diesem literarischen Berlin in der heutigen Stadt noch zu finden ist.

Sie begeben sich bewusst in eine vergangene Zeit, die aber sehr moderne Züge trägt …

In den 20er Jahren war Berlin die fortschrittlichste Stadt Europas, brauchte den Vergleich mit modernen amerikanischen Metropolen wie New York oder Chicago nicht zu scheuen. Und diese Modernität will ich zeigen, dieses brodelnde Lebensgefühl einer Zeit, die von unserer Gegenwart gar nicht so weit entfernt ist. Viele moderne Ansätze, die dann erst in den 60er Jahren wieder aufkamen, waren in den 20ern schon vorgezeichnet. Für mich ist die Endphase der Weimarer Republik auch eine Zeit der vertanen Chancen, da sie in die Katastrophe des Dritten Reichs mündete – aber nicht zwangsläufig münden musste. Die Zeitgenossen von Kommissar Rath jedenfalls ahnten noch nichts von dieser Katastrophe.

Ihr Kommissar Gereon Rath ermittelt in einem Milieu von Nachtclubs, Pornografie und Drogen. Auch das hat einen extrem gegenwärtigen Zug. Warum schicken Sie Ihren Helden genau in solche Bereiche?

Na, erst einmal schicke ich ihn überhaupt nach Berlin. Man muss seinen Helden ja Schwierigkeiten bereiten, und einem Kölner wie Rath fällt es schwer, sein geliebtes Rheinland zu verlassen. Dass er anfänglich bei der Sitte arbeitet, hat einmal den Grund, dass er etwas dafür tun muss, um wieder in der Mordkommission arbeiten zu können. Es geht aber auch darum, eine Gegenwelt zu durchleuchten. Die ganze Gesellschaft damals war umgekrempelt durch den verlorenen Krieg, durch Inflation, durch Revolution. Die Fesseln der Kaiserzeit waren weg, und die neue Freiheit äußerte sich in einer ungezügelten Vergnügungssucht, so, als habe man das nahende Ende schon vor Augen. Und diese Welt des oftmals illegalen Vergnügens will ich zeigen.

Warum ist „Der nasse Fisch“ als Kriminalroman angelegt?

Ich mag die amerikanischen Gangstergeschichten aus den 20er und 30er Jahren, Hammett und Chandler beispielsweise. Und das Berlin dieser Zeit ist eine ebenso spannende Kulisse für solche Geschichten wie die amerikanischen Städte spannender noch, weil in Berlin die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit hinzukommen, Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nazis zum Beispiel und der leider vergebliche Kampf der Demokratie gegen die drohende Diktatur. Und in diese Welt schicke ich Kommissar Rath.

Das Nazi-Regime liegt wie ein düsterer Schleier über dem Romangeschehen …

Ja, die Nazis stehen nicht im Mittelpunkt der Handlung, sie tauchen nur hier und da mal auf. Für den heutigen Leser aber sind die Hakenkreuze drohende Vorahnungen einer dunklen Zukunft die meine Romanhelden allerdings noch nicht kennen. Obwohl es auch ihre Zukunft sein wird: „Der nasse Fisch“ ist Auftakt einer Reihe, die Gereon Rath bis in die ersten Jahre der Nazi-Diktatur begleiten wird.

Kommissar Rath ist ein zwiespältiger Charakter. An einer Stelle im Roman wird ihm Kokain angeboten, das er dann auch nimmt, und auch sonst überschreitet er immer wieder Grenzen. Warum?

Ich mag Gereon Rath, gerade weil er auch seine schlimmen Seiten hat, weil er kein perfekter, politisch korrekter Gutmensch ist. Er nimmt es nicht immer ganz genau, hat aber andererseits ein starkes Gerechtigkeitsempfinden. Er ist jemand, der notfalls lügt, um der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen, so paradox das auch klingen mag.

Wie hat man sich denn einen exemplarischen Arbeitstag bei Ihnen vorzustellen?

Exemplarische Arbeitst age gibt es so gar nicht außer in der eigentlichen Schreibphase. Da muss ich die Tür schließen und bin dann ganz allein mit mir und meinen Notizen – und mit den Fotos, die ich an die Wand hänge: ein Gebäude, eine Straßenszene, eine Person Bilder, die meine Fantasie nicht einengen, sondern beflügeln, Bilder, in die ich eintauchen kann beim Schreiben. Doch davor steht erst einmal die Recherche: Ich lese jede Menge Sachbücher, blättere durch die alten Zeitungen, sichte alte Fotos und Filme, die ich dann vor Ort abgleiche mit der heutigen Stadt. Ich will mir die Schauplätze anschauen, in denen Gereon Rath vor fast 80 Jahren agiert, ich muss über dieselben Straßen gehen wie er. Auch wenn kein einziges Haus mehr stehen sollte, ein paar Fixpunkte in der Landschaft gibt es meist doch und darüber kann ich wie eine Folie das Berlin von 1929 legen.

© mobil 2007

 

taz, 4. April 2009:

Herr Kutscher, wie kommt man als Kölner dazu, ausgerechnet Berlin-Krimis zu schreiben?

Ich mag Berlin ganz einfach. Seit den frühen 80er-Jahren bin ich regelmäßig in der Stadt. Der zweite Grund: Ich habe Kriminalgeschichten vermisst, die im Berlin der 20er-, 30er-Jahre angesiedelt sind.

Warum?

Weil diese Zeit in Berlin eine sehr spannende ist. Eine Zeit, die mich schon in den Kinderbüchern von Erich Kästner fasziniert hat. Außerdem mag ich amerikanische Gangsterkrimis aus dieser Epoche. Diese Noir-Geschichten aus San Francisco oder Chicago nach Berlin zu verfrachten, das erschien mir sehr naheliegend. Ich hätte so etwas jedenfalls gerne gelesen. Aber ich bin damals nur auf Philip Kerr gestoßen; dessen Geschichten spielen 1936, 1938 in der Nazizeit. Ich finde jedoch das Ende der Weimarer Republik viel spannender.

Was ist da so spannend für einen Krimiautor?

Die grundsätzliche Frage, die sich viele Leute stellen: Wie war es möglich, dass sich eine Republik mit vielen modernen Ansätzen in diese Diktatur verwandelte? Und diese Entwicklung will ich aus der oft sehr naiven Perspektive eines Zeitgenossen zeigen.

Ihr erster Berlin-Roman, „Der nasse Fisch" spielt 1929. Der Kölner Kommissar Gereon Rath wird in ein wildes Berlin versetzt. Er geht in Bordelle, Drogenkneipen, er begegnet russischen Exilanten und Waffenhändlern. Daneben treffen Kommunisten auf Nationalsozialisten, am 1. Mai 1929, dem Blutmai, gibt es zahlreiche Tote. Die Geschichte scheint sehr nah am politischen Geschehen.

Das ist auch so beabsichtigt …

aber Ihr gerade erschienener zweiter Band, „Der stumme Tod", spielt 1930 fast ausschließlich in der Berliner Filmindustrie. Das unweigerliche Zulaufen auf das Dritte Reich tritt weit in den Hintergrund. Warum?

Ich möchte möglichst verschiedene Milieus ausleuchten, auch solche, in denen Politik keine Rolle spielt. Und dann haben die Leute damals eben auch nicht nur an Politik gedacht. Niemand wusste, dass es auf das Dritte Reich hinausläuft.

Ihr Hauptprotagonist bekommt den Auftrag, die Beerdigung von Horst Wessel zu beobachten, den die Nazis zum Märtyrer hochstilisieren …

… aber er drückt sich davor, weil er sich von politischen Querelen lieber fernhält.

Schon Ihre früheren Krimis hatten Lokalkolorit. Aber sie spielten in Ihrer Heimat, dem Bergischen Land bei Köln. Da kennen Sie sich aus. Woher kennen Sie das Berlin Ende der 20er-Jahre?

Es gibt viele Ecken, an denen man die Vergangenheit noch sehen kann. Ansonsten lese ich viel, lese Bücher, alte Zeitungen, sichte alte Fotos und Filme. Etwa „Menschen am Sonntag". Oder „Emil und die Detektive", der viel draußen in der Stadt gedreht wurde. So bekomme ich viele Anregungen. Zum Beispiel habe ich ein wunderschönes Bild von dem Ende der 20er-Jahre zugeschütteten Luisenstädtischen Kanal in Kreuzberg gefunden. Da hab ich mir gedacht, da könnte mein Kommissar doch wohnen, am Luisenufer …

dem heutigen Segitzdamm. Auch der Reichskanzlerplatz spielt ein Rolle, die Belle-Alliance-Straße taucht auf. Sie verwenden konsequent Namen, die man heute auf dem Stadtplan nicht mehr findet.

Viele Straßen haben eben heute einen anderen Namen, schon wegen der bewegten Geschichte der Stadt. Der Reichskanzlerplatz hieß zum Beispiel später auch mal Adolf-Hitler-Platz. Und heute ist es der Theodor-Heuss-Platz.

Haben Sie einen historischen Stadtplan?

In meinem Arbeitszimmer hängt tatsächlich ein alter Pharus-Plan an der Wand. Aber wenn ich die Schauplätze meiner Geschichte kenne, dann fahre ich immer auch hin und guck mir die heutige Situation an mit den alten Bildern im Hinterkopf. Im ersten Roman tauchen eine Menge Orte auf, an denen Freunde von mir wohnen oder wohnten.

Ihre Detailkenntnis überrascht selbst gestandene Berliner. Etwa dass man einst eine Mark Maut für die Fahrt auf der Avus zahlen musste.

Ich lese alte Zeitungen, etwa die Vossische, da findet man solche Details. Etwa die kurze Notiz, dass im März 1930 der millionste Besucher des Funkturms gezählt wurde. Das war natürlich nicht Gereon Rath, wie jetzt im Roman, aber ich dachte, das passt.

Und woher haben Sie die Kenntnisse über den damaligen Polizeialltag?

Vor allem aus Büchern. Und dann war ich in Tempelhof in der Polizeihistorischen Sammlung. Die haben Waffen, Telefone, Schreibmaschinen aus der Zeit und viele andere anschauliche Dinge.

Würde ein Historiker ihr Berlinbild als korrekt bezeichnen?

Ich hoffe doch wobei ich glaube, dass nicht alle Historiker einen einheitlichen Blick auf die Vergangenheit haben. Mir ist es wichtig, die modernen Seiten der damaligen Zeit zu unterstreichen. Deshalb fahren meine Figuren nicht mit der Pferdedroschke, sondern mit dem Taxi. Und sie telefonieren viel: Berlin hatte damals die größte Telefondichte der Welt. Schon damals haben die Berliner sehr nach Amerika geschaut. In dem Film „M eine Stadt sucht einen Mörder" von Fritz Lang steht in einem Süßwarengeschäft Micky Maus als Werbefigur. Der Film ist 1931 gedreht.

Es gibt auch eine überraschend offene Sexualmoral in Ihren Romanen.

Die es damals auch schon gab. Zwar war die Gesellschaft noch nicht so offen wie heute, aber es gab jede Menge moderne Ansätze. Die offene Sexualmoral etwa oder die Emanzipation der Frauen, Dinge, die durch das Dritte Reich abgewürgt wurden und sich in Deutschland dann erst wieder in den 60er-Jahren entfalteten. Allerdings darf die Moderne des damaligen Berlin nicht über die anderen Seiten hinwegtäuschen; es gab auch die, die sich nach dem Kaiser sehnten, und die, die den Faschismus wollten.

Dennoch kommen antisemitistische Ressentiments in Ihren Büchern nur am Rande vor.

Antisemitismus war damals salonfähig, aber nicht ständig präsent. Im Mittelpunkt steht das Thema im dritten Band, an dem ich gerade arbeite. Ich will nicht die ganze Geschichte verraten, aber da besucht ein amerikanischer Gangster Berlin ein jüdischer Gangster aus Brooklyn, den besser kein SA-Mann anpöbeln sollte.

Wie wird sich Rath nach 1933 verhalten?

Eines ist klar: Er wird nie Nazi werden. Weil er von Politik überhaupt nichts hält, von keiner Partei. Er wird die Nazis als Vorgesetzte genauso verachten, wie er einen sozialdemokratischen Polizeipräsidenten verachtet, weil er denkt, der sitzt nur wegen seines Parteibuchs da und nicht wegen seines Fachwissens. Weiter denkt Rath nicht und wurschtelt sich durch. Ganz bewusst ist er kein strahlender Held; er macht eine Menge Mist. Ich hoffe, dass die Leser ihn dennoch mögen.

Immerhin hat er einen sehr sympathischen Vornamen.

Ich war auf der Suche nach einem typisch rheinischen Namen. Gereon war der, der am besten zu der Figur passte, die ich im Kopf hatte.

Es ist wenig realistisch, dass Rath nicht ständig nach der Bedeutung seines Vornamens gefragt wird.

Er wird ja gefragt, von Charly, seiner späteren Freundin, und erklärt ihr, das sei ein alter Kölner Heiliger. Ich habe selbst lange in der Nähe von St. Gereon in Köln gewohnt.

Sie haben offenbar eine klare Vorstellung, wie es weitergeht mit Ihrem Kommissar. Wie weit soll seine Reise in die Nazizeit noch gehen?

Bislang plane ich bis 1936; die Olympischen Spiele möchte ich mitnehmen, weil die als Kulisse für mich verlockend sind. Und Rath muss auch im Naziapparat arbeiten, um zu begreifen, dass er sich mit seiner angeblich unpolitischen Haltung eins in die Tasche lügt.

Wird Rath mit seiner Immer-wieder-mal-Freundin Charly glücklich?

Natürlich nicht! Wenigstens nicht auf die Dauer.

Das Gespräch führte Gereon Asmuth.

© taz Entwicklungs GmbH & Co. Medien KG 2009. Mit freundlicher Genehmigung des taz Verlags. Vielen Dank an Gereon Asmuth.

 

Kölner Stadt-Anzeiger, 23. August 2011:

Herr Kutscher, würden Sie mit der Hauptfigur Ihrer Romane, dem Kriminalpolizisten Gereon Rath, ein Bier trinken gehen?

Ja, sicher.

Obwohl er unkollegial und beziehungsunfähig ist und mit Verbrechern dealt – das würde Sie nicht stören?

Rath hat sicher seine negativen Seiten…

…wenn sein Telefon klingelt, geht er fast nie ran, weswegen er ständig wichtige Informationen verpasst!

Ich weiß nicht, ob ich ihm meine Ersparnisse anvertrauen würde, aber zum Bier trinken gehen ist er sicher gut geeignet.

Gehen Sie ans Telefon, wenn’s klingelt?

Wenn ich schreibe, dann schreibe ich und lasse den Anrufbeantworter laufen, sonst kommt man zu nichts. Nur wenn das Bürotelefon klingelt, nehme ich ab. Das klingelt aber nicht so oft. Als Journalist früher bin ich natürlich an jedes klingelnde Telefon rangegangen. Da konnte ich es vor Neugier kaum aushalten.

Das Gefühl geht Rath, zumindest beim Telefonklingeln, offenbar ab. Warum haben Sie sich eine Hauptfigur geschaffen, mit der man sich schwer identifizieren kann?

Ich mag aalglatte Superhelden nicht. Die sind langweilig, und das soll Rath nicht sein. Außerdem war mir wichtig, ihn nicht zum politisch charakterfesten Menschen zu machen, denn ich habe mit der Figur noch einiges vor. Es wird ja immer brisanter jetzt.

Die Nationalsozialisten halten Einzug ins Berliner Polizeipräsidium. Wie verhält sich Rath?

Wäre er ein lupenreiner Demokrat, würde er seinen Dienst sofort quittieren. Rath wird aber im Polizeiapparat bleiben und sich wie viele Zeitgenossen damals – einreden, er könnte sich durchmogeln. Damit hängt auch seine Unkollegialität zusammen: Er kann zwar sehr gut katzbuckeln, hält sich aber oft nicht an Befehle und Vorschriften. Diese Distanz erleichtert es ihm dann, angesichts der SA-Hilfspolizisten das Gefühl zu entwickeln: Ich gehöre nicht dazu, ich mache mein eigenes Ding.

Ist Rath demnach ein typisch deutscher Charakter?

Die Gedanken habe ich mir gar nicht gemacht. Ist er nicht eher ein rheinischer Charakter? Kölnern sagt man ja nach, dass sie sich gut durchlavieren können. Im Dritten Reich waren sie eher Mitläufer als Fanatiker, und doch gab es im Karneval schon bald antisemitische Witze. Ich wehre mich aber dagegen, Volksgruppen zu stark zu verallgemeinern.

Ihr aktueller Roman „Goldstein“, der dritte der Rath-Krimis, spielt im Jahr 1931.

Das ist eine sehr spannende Phase. Die Gesellschaft und die Demokratie zerbröseln langsam, aber in den Zukunftshoffnungen vieler Zeitgenossen findet sich noch nichts von der späteren Katastrophe.

Wie historisch sind insofern Ihre Romane?

Es ist nicht ganz einfach, einen historischen Roman zu schreiben, weil eine fiktive und eine historische Wahrheit zusammen laufen. Ich schreibe ja keine Geschichtsbücher, sondern fiktive Kriminalromane, die nicht zuletzt unterhalten sollen. Dabei versuche ich aber, die damalige Gegenwart so darzustellen, wie ich sie mir nach meinen Recherchen vorstelle. Eine ganz wichtige Quelle sind Zeitungen von damals. Wir beurteilen die Zeit ja mit dem Wissen darüber, was später alles geschehen ist. In den Schlagzeilen finde ich dagegen das naive Gefühl der damals lebenden Menschen, die noch nicht ahnen konnten, was die Zukunft bringt. Und wenn man das so liest, kann man den Eindruck gewinnen, dass es nicht zwangsläufig auf die Herrschaft der Nationalsozialisten zulaufen musste, sondern dass sich die Geschichte auch anders hätte entwickeln können.

„Der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen“, schrieb noch am 1. Januar 1933 die „Frankfurter Zeitung“.

Genau, nach der Novemberwahl von 1932 mit deutlichen Stimmeneinbußen für die Nazis jubelten viele, der Spuk sei vorbei. Und dann hat Hindenburg nichts Besseres zu tun, als Hitler zum Kanzler zu machen.

Hat sich Ihr Bild von der Weimarer Republik durch Ihre Recherchen verändert?

Ja, eindeutig. Uns wurde immer vermittelt, nicht nur in der Schule, die Weimarer Republik führe zwangsläufig ins Dritte Reich. Doch ich glaube, dass die Demokratie damals nicht so schwach war, wie sie oft dargestellt wird. Zumindest bis zur Wirtschaftskrise.

Sind wir ungerecht gegenüber den Menschen in der Weimarer Republik?

Teilweise ja. Viele haben damals gedacht, dass Hitler nicht lange an der Macht bleiben würde. Schließlich hielten die Vorgängerregierungen auch nur ein paar Monate. Es hat dann bekanntlich etwas länger gedauert. Aber warum hätte man es damals besser wissen müssen? Und es war ja auch nicht am 30. Januar 1933 direkt Diktatur, die wurde schrittweise etabliert, wie die Demokratie schrittweise zerstört wurde. Ich finde es absolut bedauerlich, dass die Weimarer Republik untergegangen ist. Sie hätte eine Chance verdient gehabt.

Welche Partei würde Ihre Romanfigur Rath wählen?

Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Er ist nicht reaktionär. Eher der klassische Nichtwähler, weil er sich eigentlich mit niemanden richtig anfreunden kann.

Ihnen geht Schwarz-weiß-Denken auf die Nerven?

Ja. Ich finde Widersprüche gut. Die Welterrettungs-Ideologien – der Kommunismus ebenso wie der Nationalsozialismus – wollten diese Widersprüche auflösen und eine heile Welt, ihr Paradies auf Erden schaffen. Der Nachteil an diesen Paradiesen ist, dass da bestimmte Menschengruppen immer nicht dazu gehören. Und die werden im Zweifel umgebracht.

Finanzkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise – ist Deutschland heute davor gefeit, einem neuen starken Mann auf den Leim zu gehen?

Ich glaube, wir werden nicht noch einmal irgendwelchen Hakenkreuzfahnen hinterher laufen. Aber Rattenfänger können auch in anderen Kostümen daherkommen. Vielleicht sind meine Bücher auch ein Appell, immer die Augen offenzuhalten, die Dinge nicht einfach laufen zu lassen.

Sie haben, bevor sie vom Romane-Schreiben leben konnten, als Journalist gearbeitet. Hat diese Distanz Ihren Figuren gegenüber etwas mit einem journalistischen Blick zu tun?

Vielleicht. Ein Autor sollte eigentlich nicht in seinen Büchern auftauchen, finde ich. Ich erzähle die Geschichten durch meine Figuren deren Meinungen haben mit meinen nichts zu tun.

Bei Stieg Larsson weiß man nach der Lektüre ganz genau, was er vom Kapitalismus hält.

Das stört mich aber auch bei Larsson, so sehr ich seine Bücher schätze. Ich ergreife keine Partei und habe mir auch schon Vorwürfe etwa auf Lesungen anhören müssen, weil ich beispielsweise die Kommunisten nicht sympathisch dargestellt habe. Aber nicht ich bin der Anti-Kommunist, sondern Gereon Rath. Ich möchte hinter meinen Büchern ein bisschen zurückbleiben. Ich bin kein Wanderprediger, ganz einfach. Ich muss nicht meine Wahrheiten in die Welt hinausposaunen.

Hat sich Ihr Lebensrhythmus geändert, seit Sie Romane statt Artikel schreiben?

Naja, durch meine Familie habe ich schon einen geregelten Tagesablauf, ich stehe nicht erst mittags auf und warte, dass mich die Muse küsst, wenn Sie das meinen. Ich entwickle meine Ideen ganz klassisch am Schreibtisch und schreibe zu festen Zeiten. In der Endphase auch nachts. Meine wichtigste Erfahrung beim Romanschreiben ist, dass man seinen inneren Lektor abstellen muss. Die Sätze sind oft erst mal recht banal, die man da hinschreibt, und es fällt nicht immer leicht, sie zunächst stehen zu lassen. Aber das Wichtigste ist, Land zu gewinnen, voranzukommen mit der Geschichte. Das Feilen an der Sprache kommt dann später.

Stromern Sie ab und zu durch Buchhandlungen und schauen, wo Ihr Roman platziert ist?

Ja, natürlich.

Das Gespräch führten Lutz Feierabend und Tobias Kaufmann.

© Kölner Stadt-Anzeiger 2011. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags M. DuMont Schauberg.

Das Original-Interview finden Sie auf der KStA-Website unter

http://www.ksta.de/html/artikel/1315562771970.shtml

 

Cicuma Live, 18. Juli 2012:

Lieber Herr Kutscher, gehen wir für das Interview in das "Nasse Dreieck" oder lieber doch in den "Venuskeller"?

Ich fürchte, wir werden uns in keinem der beiden Lokale treffen können. Der „Venuskeller“ ist ein fiktives illegales Nachtlokal, das ich mir für den ersten Rath-Roman „Der nasse Fisch“ ausgedacht habe, und das „Nasse Dreieck“ am Wassertorplatz hat zwar noch bis in die 70er Jahre existiert, ist aber dann den Kreuzberger Kahlschlagsanierungen zum Opfer gefallen, die gerade die Gegend am Kottbuser Tor ziemlich verschandelt haben.

Ihr Roman “Goldstein” spielt im Jahr 1931. Was können Sie uns über das Buch verraten?

Nur soviel: Abraham Goldstein ist ein amerikanischer Gangster, ein Auftragskiller, der aus anfangs unbekannten Gründen nach Berlin kommt und dort mit seinen jüdischen Wurzeln und mit dem anwachsenende Antisemitismus konfrontiert wird.

In “Goldstein” kommt es zu einer zeitlichen Trennung zwischen Gereon und seiner – immer noch nicht Verlobten Charly Ritter. Gibt es Hoffnung auf ein Happy End für die beiden?

Sie werden wieder zusammenfinden, so viel kann ich sagen. Ob sie aber jemals und vor allem auf Dauer miteinander glücklich werden können, das steht in den Sternen. Jedenfalls werden sie nicht so einfach voneinander loskommen.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden schon gerne mit Gereon Rath ein Bier trinken gehen wollen. Das machen sonst nur zwei Personen, der Arbeitskollege Reinhold Gräf und der Journalist Berthold Weinert. Welcher von beiden könnten Sie eher sein?

Wahrscheinlich eher Herr Weinert, allein schon des Berufes wegen.

Beschreiben Sie doch einmal bitte die Hauptfigur Gereon Rath. Ist dieser nach drei Krimis so geworden, worden, wie Sie es sich damals vorgestellt haben?

Ich hatte eigentlich gar keine Vorstellung, wie er werden soll, jedenfalls keine, die ich zwingend hätte einlösen wollen. Er verändert sich durch die Dinge, die er erlebt, also von Buch zu Buch, und ich weiß nie, wie der übernächste Roman aussehen soll, manchmal nicht einmal, wie der nächste aussehen soll, bevor ich damit begonnen habe. Seine schlechtesten Charaktereigenschaften, sein lockerer Umgang mit der Wahrheit, sein Desinteresse an Politik und die Neigung, Auseinanderetzungen (vor allem mit Vorgesetzten und mit Charly) aus dem Weg zu gehen, wird Gereon Rath wohl so schnell nicht los werden, auch wenn er sich ab und zu um Besserung bemüht. Genausowenig aber wird er seinen starken Gerechtigkeitssinn verlieren, der ihn manchmal über sich selbst hinauswachsen lässt — und auch gegen das Gesetz verstoßen lässt. Gerechtigkeit ist ihm immer wichtiger als Recht.

Täusche ich mich, oder ist Gereon Rath wirklich jedenfalls in Ansätzen lustiger und vor allem ironischer geworden, seitdem er in Berlin ist?

Das ist er tatsächlich, er hat sich mittlerweile ein wenig mit seinem Schicksal versöhnt, vor allem mit der Tatsache, dass er, der Rheinländer, nun in Berlin leben muss. So langsam gefällt es ihm in der Stadt. Nicht zuletzt wegen Charly, denke ich.

Nehmen wir einmal an, wir befinden uns tatsächlich im Jahr 1931. Welche Ihrer Figuren würden Sie gerne nach dem Interview besuchen wollen?

Eine ganze Menge. Gereon natürlich zuallererst und dann Charly. Vielleicht auch Charly zuerst.

Wäre das dann auch Ihre Lieblingsfigur neben Gereon Rath?

Charly ist mit Sicherheit eine meiner Lieblingsfiguren, auch wenn man ja eigentlich niemanden bevorzugen sollte. Ich mag aber auch einige von den Bösewichten, nur würde ich die nicht so gerne besuchen.

Volker Kutscher im Berlin der 1930er Jahre würde das überhaupt gutgehen?

Wenn ich eine solche Zeitreise unternehmen könnte, würde ich versuchen, mich darauf einzustellen. Ansonsten lebe ich doch recht gern in der Gegenwart. Mit dem Wissen von heute in die Vergangenheit zu reisen, ist sicher eine schwierige Sache. Man müsste ja mindestens versuchen, Adolf Hitler Gift in den Tee zu kippen, um guten Gewissens wieder zurückreisen zu können.

Es gibt so gut wie gar keine Kriminalromane aus der Zeit der Weimarer Republik. Wie bereiten Sie sich auf diese recht unbekannte Zeit für Ihre Bücher vor?

Zuallererst durch Lektüre entsprechender Fachliteratur und durch zeitgenössische Romane. Eine Literaturliste gibt es auf der Website www.gereonrath.de. Dann sind alte Filme und Fotos für mich ganz wichtig, um die Atmosphäre nachempfinden zu können. Um das Denken der damaligen Zeitgenossen nachvollziehen zu können, die eben noch nicht wussten, wie sich die Dinge weiterentwickeln würden, lese ich im Zeitungsarchiv der Staatsbibliothek die Berliner Tageszeitungen der Monate, in denen der nächste Roman spielt. Das ist immer der spannendste Teil, fast schon eine kleine Zeitreise, zu sehen, für was die Menschen sich damals interessiert haben, was sie gehofft, was sie gefürchtet haben. Und zu wissen, was ein paar Schuhe damals gekostet hat oder ein Auto oder ein Anzug von der Stange.

In Ihren Büchern schwellt immer wieder der Nationalsozialismus hoch. Darunter sind auch sympathische Figuren Ihrer Bücher. Inwieweit darf man heutzutage diese Art von Menschen sympathisch darstellen?

Allzu sympathisch sind die Nazis in meinen Romanen in der Regel nicht, glaube ich. Aber es sind auch nicht alles tumbe Sadisten und Vollidioten, da haben Sie Recht. So einfach ist die Welt nun einmal nicht, und mit der Machtübernahme der Nazis wird es für Gereon Rath noch schwieriger werden, er wird feststellen, dass Leute, mit denen er sich eigentlich gut versteht, sich plötzlich als Nazi entpuppen, und muss damit klarkommen. Und dann ist da noch eine zweite Sache. Wenn ich eines gelernt habe beim Schreiben, dann das, dass Bösewichte sich selbst in der Regel nicht für böse halten. Sie tun das, was sie glauben tun zu müssen. Und die Nazis sind ja auch nicht angetreten und haben gesagt: So, nun wollen wir mal richtig schön böse sein, möglichst viele Menschen ermorden und die Welt in den Abgrund stürzen. Die Nazis, so unfassbar das auch scheinen mag, wollten eigentlich eine bessere Welt, und in ihren Vorstellungen von einer besseren Welt hatten Juden, Kommunisten, Andersrassige etc. keinen Platz. Die Konsequenz: Sie wurden umgebracht. Das ist wohl immer so, wenn jemand das Paradies auf Erden errichten will: Dann müssen die dran glauben, die dieses Paradies stören. Deswegen sollte man Ideologen, die ihre eigene Meinung verabsolutieren und glauben, an ihrem Wesen könne die Welt genesen, immer zutiefst misstrauen. Meistens fließt irgendwann Blut.

Es ist irgendwo zu lesen, dass Sie Gereon Rath im Jahr 1936 in Rente schicken wollen. Ist er dann mit 37 nicht zu jung für das Aufhören?

In Rente werde ich ihn nicht schicken, aber er wird nicht mehr bei der Berliner Kriminalpolizei arbeiten. Was genau mit ihm passiert, ob er stirbt, auswandert oder sich als Privatdetektiv durchschlagen muss, das wird sich zeigen. Jedenfalls ist er dann, nach dreieinhalb Jahren NS-Regime, reif, endlich zu erkennen, dass er auch als Mordermittler nicht in einem Polizeiapparat arbeiten kann, der solchen Machthabern dient. Dass die Verbrecher, die er eigentlich jagen sollte, seine Vorgesetzten sind.

Gibt es schon Ideen, was die Jahre 1932 bis 1936 anbelangt? Haben Sie ein Ereignis, wo Sie sagen, da muss ich Gereon unbedingt ermitteln lassen?

Normalerweise erlebt Gereon Rath die großen historischen Ereignisse wie jeder normale Mensch eher als Zaungast und aus der Ferne, gleichwohl verändern sie sein Leben. Aber ein Großereignis, an das ich ihn ganz nah heranführen möchte, sind mit Sicherheit die Olympischen Spiele 1936.

Jetzt die eine oder andere Frage zu Ihrem Schreibverhalten. Gibt es bestimmte Arbeitszeiten, in denen Sie schreiben?

Ich versuche, zu bestimmten Zeiten zu schreiben, aber das lässt sich nicht immer so durchhalten, also setze ich mir in der heißen Phase des Schreibens immer ein Seitenlimit, das ich schaffen muss, das funktioniert auch. Aber Vorgaben in irgendeiner Form muss man sich schon machen, sonst kommt man nicht voran.

Wer weiß alles Bescheid, wenn Sie schreiben oder sind Sie gar ein Geheimschreiber?

Im meinem Umkreis wissen eigentlich alle Bescheid, wenn ich schreibe. Sie kriegen die Sachen nur nicht gleich zu lesen. Dazu muss ich erst einmal selber halbwegs zufrieden sein mit dem Geschriebenen, und das bin ich nach dem ersten Entwurf so gut wie nie, da braucht es erst ein paar Bearbeitungen.

Lieber Herr Kutscher, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin eine gute Hand beim Schreiben.

Vielen Dank.

Das Gespräch führte Marten J. Bruns.

© Cicuma Live 2012. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

 

Kölnische Rundschau, 7. Februar 2013:

Wie kam die Idee zustande, die Romane in den 20er und 30er Jahren anzusiedeln?

Ich hatte immer schon ein Faible für die 20er Jahre, seit ich Kästner und Döblin gelesen hatte. Dann habe ich mir eines Tages Fritz Langs Film „M“ angeschaut, der 1931 in Berlin gedreht wurde, und ich staunte darüber, wie modern die Stadt damals schon war. So kam der Gedanke auf, einen Krimi in dieser Welt anzusiedeln. Dann habe ich Ideen, Milieus, Themen gesammelt, und es war relativ schnell klar, dass da eine Serie draus wird.

Die Serie setzt im Jahr 1929 ein und soll noch mindestens bis 1936 gehen, immer vor dem Hintergrund der sich ausbreitenden Nazi-Herrschaft …

… die sich in den Alltag der Leute ja erst nach und nach hineingefressen hat. Man hat sich ein bisschen weggeduckt, ein bisschen angepasst, ein bisschen opponiert und vor allem versucht, sein Leben weiterzuleben.

So, wie es auch Gereon Rath tut, der sich für Politik nicht interessieren will.

Gerade in der Figur eines Polizisten, der Teil der Exekutive ist, lässt sich der Weg ins Dritte Reich gut schildern.

Warum überhaupt Krimis?

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich es etwas anderes kann. Als Germanistikstudent wollte ich noch den Roman neu erfinden, mindestens. Als Journalist habe ich mehr Respekt vor dem Schreiben bekommen, weil ich feststellte: Auch eine Polizeimeldung über einen Autounfall will erst mal geschrieben sein. Bei meinem ersten Krimi, den ich in meiner Freizeit verfasst habe, als Ausgleich zum Job, merkte ich dann, wie schwer es ist, Unterhaltungsliteratur zu schreiben. Und welch großen Spaß es macht.

Die Reihe soll noch mindestens bis zu den Olympischen Spielen 1936 gehen. Haben Sie schon ein Bild davon, was aus Gereon Rath dann geworden sein wird?

Nein. Sicher ist nur, dass er kein Nazi wird, das verhindert seine grundsätzliche Abneigung gegen Politik. Aber er wird auch manch bedenkliche Entwicklung gutheißen, weil sie ihm nützt – zum Beispiel die Reichstagsbrand-Verordnung, nach der Menschen ohne Anklage und Beweise eingesperrt werden konnten. Die richtete sich damals gegen die Kommunisten, die die SA verfolgte. Aber damit konnte man eben auch vermeintliche Berufsverbrecher ohne Haftbefehl einsperren. So wurden in Berlin die Ringvereine zerschlagen, die organisierten Banden, die die Unterwelt beherrschten.

Seit neun Jahren begleitet Gereon Rath Sie jetzt. Gibt es Rituale, die helfen, sich in seine Welt zu versetzen?

So wie Schiller, der zum Schreiben immer den Geruch eines angebissenen Apfels gebraucht haben soll? Nein, so was habe ich nicht. Ich setze mir ein Seitenlimit und sehe zu, dass ich das einhalte – da geht es wirklich darum, Masse zu produzieren und die Geschichte voranzubringen.

Was ist die größte Schwierigkeit dabei?

Mein Hauptproblem ist, das mir selten gefällt, was ich zuerst hinschreibe. Dann denke ich an Hemingway, dem das auch so ging, und versuche das zu ignorieren, weiterzuschreiben, Land zu gewinnen! Die Erfahrung lehrt mich, dass in der Bearbeitung alles besser wird und der erste Entwurf so schlecht oft auch gar nicht ist. Dennoch ist es immer wieder ein Kampf.

Das heißt auch, es gibt zwar einen Plot, aber der Plan ist am Anfang des Schreibens gar nicht so ausgefeilt?

Der Plot wird zum Ende des Buches hin immer ungenauer. Manchmal schubse ich meine Figuren auch einfach mal in neue Schwierigkeiten und schaue, mit welcher Lösung ich die Leser – und auch mich selbst – überraschen kann. Jedes Buch ist ein neues Abenteuer, man weiß nie, ob’s gelingt – aber et hätt noch immer jot jejange …

Das Gespräch führte Werner Grosch.

© Kölnische Rundschau 2013

 

Krimi-Couch, Juniausgabe 2013:

Volker Kutscher, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Krimi-Blitz 2012. Die Akte Vaterland gilt den Usern der Krimi-Couch als bester Krimi des letzten Jahres. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Danke. Ich habe mich sehr über den Krimi-Blitz gefreut, zumal ich vor ein paar Jahren mit Der nasse Fisch nur unter ferner liefen ins Ziel gekommen bin. Der Preis bedeutet mir auch deshalb so viel, weil er ein Publikumspreis ist, ich ihn also den Menschen zu verdanken habe, die mich lesen und für die ich schreibe. Und da sie die Krimi-Couch besuchen, dürften es auch Menschen sein, für die Lesen ein wichtiger Teil ihres Lebens ist, jedenfalls so wichtig, dass sie sich mit anderen darüber austauschen.

Die Akte Vaterland und eigentlich die ganze Serie um Kommissar Gereon Rath besticht durch eine Vielschichtigkeit, die in Krimis eher selten geworden ist. Hatten Sie nicht die Befürchtung, dass sich damit keine große Leserschaft erreichen lassen kann?

Diese Frage stelle ich mir so eigentlich nicht. Natürlich schreibe ich für Leser und Leserinnen und nicht aus dem Elfenbeinturm heraus nur für die Schublade, und ich freue mich auch, dass ich viele damit begeistern kann, dennoch glaube ich, dass man einen Bestseller nicht planen kann. Sonst würde das ja jeder Verlag und jeder Autor machen. Nein, ich schreibe so, wie ich meine, dass die Rath-Romane geschrieben werden müssen, und die Neben- und Nicht-Krimi-Plots in meinen Büchern sind mir nun einmal wichtig. Es gibt Leser, die genau das kritisieren, aber das muss ich hinnehmen. Es geht darum, in die Welt von Gereon Rath einzutauchen, nicht nur darum, einen Kriminalfall zu lösen. Und die Spannung liegt ja nicht nur im Krimiplot, die liegt genauso in den Nebenhandlungen, in den Entwicklungen der Figuren und im großen Ganzen.

Es ist eine untergegangene Welt, die Sie beschreiben. Was gab den Ausschlag dafür, ausgerechnet Berlin ab dem Ende der Zwanzigerjahre zum Schauplatz zu machen? Sie sagten einmal, Ihre Berlinliebe habe mit Pünktchen und Anton begonnen. Um bei Kästner zu bleiben: Wie viel »Fabian« ist in Ihren Rath-Romanen enthalten?

Schwer zu sagen, vielleicht mehr Kästner als Fabian. Ich mag Kästners Sprache, die eine angelsächsische Leichtigkeit in die deutsche Literatur gebracht hat. Wenn sich davon auch ein bisschen in den Rath-Romanen wiederfindet, würde mich das freuen. Eine Kästner-Parallele allerdings habe ich sogar bewusst gewählt, weil es mir um genau diese Generation geht, diese von der Geschichte betrogene Generation, die zwei Kriege erleben musste: Gereon Rath ist im selben Jahr geboren wie Erich Kästner, nämlich 1899.

Sie selbst stammen aus dem Bergischen Land und leben in Köln – wie viel katholischer Rheinpreuße steckt in Ihnen selbst?

Nicht ganz so viel wie in Gereon Rath, der ja nun aus einem sehr katholischen Elternhaus kommt und diesem in einer Art Hassliebe verbunden ist. Aber auch ich bin rheinisch-katholisch sozialisiert, und das trägt man sein ganzes Leben mit sich herum, selbst wenn man irgendwann gar nicht mehr an Gott glaubt – ähnlich übrigens, wie Abe Goldstein (im dritten Rath-Roman) sein Judentum mit sich herumträgt, obwohl er eigentlich längst damit gebrochen hat.

Hatte die Entscheidung für Berlin auch damit zu tun, dass dies damals die deutsche Stadt war, die am stärksten dem Einfluss der USA unterlag? Und hat es vielleicht auch mit Autoren wie Hammett, Chandler oder Macdonald zu tun, die immer die These vertraten, dass Hochkultur und Kriminalität Hand in Hand gehen – vor allem in Metropolen?

Das hat tatsächlich sehr viel damit zu tun, die Mythen des klassischen amerikanischen Gangsterfilms und Kriminalromans mit dem Mythos des Vorkriegsberlins zu verbinden, also wenn Sie so wollen, die Welt von Chandler und Hammett mit der von Kästner und Döblin zu verschmelzen. Die Initialzündung ist eigentlich zwei Filmen zu verdanken: Ich hatte irgendwann um die Jahreswende 2002/2003 gerade »Road to Perdition« gesehen, einen amerikanischem Gangsterfilm, der im Jahr 1931 spielt, als ich mir den Fritz-Lang-Film »M« von 1931 auf DVD anschaute – der Gedanke, diese beiden Welten in einem Kriminalroman aufeinandertreffen zu lassen, war geboren. Dass daraus eine Serie wurde, das hat sich nach und nach erst entwickelt, als ich entdeckte, wie viele Motive und Ideen dieses Setting hergab und wie interessant es sein würde, über das Jahr 1933 hinauszugehen und den Wandel der Gesellschaft mitzuerleben. Denn natürlich ist es so, dass eine Gesellschaft sich auch immer in ihrer Kriminalität spiegelt.

Die umfassende historische Genauigkeit ist das Ergebnis einer enormen Recherchearbeit. Sie sagen zwar, dass die Romane ganz bewusst keine Geschichtsbücher sein sollen. Trotzdem: Sehen Sie Ihre Romane auch als Dokumentationen?

Jein. Natürlich kann man in den Romanen hier und da Details erfahren, wie teuer eine Fahrt auf der AVUS war, was ein Paar Schuhe kostete oder eine Tasse Kaffee im Restaurant, und man wirft auch einen Blick in den damaligen Alltag. Wer mehr wissen möchte, sollte aber zu Sachbüchern greifen. Ich biete auch kein Glossar an, das bestimmte Dinge erklärt, die Leser müssen selbst entdecken, wenn sie es denn überhaupt wollen, was fiktiv ist und was Fakt. Für die Wissbegierigen liste ich auf der Rath-Website die Bücher, Museen, Filme, Websites etc. auf, die mir selbst weitergeholfen haben, und freue mich über jeden, der davon Gebrauch macht und bei dem ich das Interesse für diese historische Epoche oder wenigstens an einigen der historischen Figuren wecken konnte.

Wenn Sie schreiben, sind Sie sicher tief versunken im Berlin jener Zeit, haben Sie manchmal Schwierigkeiten, aus dieser Welt wieder in den realen Alltag zu gelangen?

Das hatte ich auch schon, als ich Gegenwartskrimis geschrieben habe. Wenn ich in meiner Phantasiewelt bin, brauche ich meist einige Zeit, um da wieder rauszukommen. Da braucht man eine verständnisvolle Familie, die das erträgt. So ein zerstreuter Professor am Essenstisch, das kann ja manchmal auch ganz lustig sein, fragen Sie meine Frau. Es ist aber noch nicht passiert, dass ich am Alex nach dem Polizeipräsidium gesucht habe oder bei Aschinger ein Bier trinken wollte.

Stehen beim Aufbau der Spannung historische Personen oder Abläufe manchmal auch im Weg? Engt Geschichte ein?

Davon darf man sich nicht zu sehr einengen lassen, sonst besteht diese Gefahr in der Tat. Vor allem, wenn man den Anspruch hat, ein als Roman verkleidetes Geschichtsbuch zu schreiben, aber genau diesen Anspruch habe ich eben nicht: Bei mir steht immer die fiktive Geschichte im Vordergrund, nicht die historische. Ich achte darauf, dass ich die historischen Eckdaten nicht verbiegen muss und das Zeitgefühl treffe, dass die fiktive Geschichte in dieser Zeit so hätte stattfinden können, aber Vorfahrt haben immer Raths fiktive Erlebnisse. In meinen Romanen finden Sie echte Berliner Kneipen wie das Nasse Dreieck, Haus Vaterland oder die Aschinger-Kette und ausgedachte wie den Venuskeller, Sie finden originale Zeitungsartikel neben von mir erfundenen, historische Figuren neben fiktiven.

Die Akte Vaterland spielt zu einem guten Teil weit weg vom pulsierenden Leben Berlins. Empfanden Sie das als Risiko für die Erzählung – oder sogar als Chance, dem Verlauf eine neue Wendung zu geben?

Ich hatte, zugegeben, tatsächlich ein bisschen Angst, dass es mir die Rath-Fans übelnehmen würden, wenn ich Berlin für weite Strecken verlasse und mit Rath durch Masuren stolpere. Gott sei Dank war das Gegenteil der Fall. Der Kontrast Stadt und Land ist ja immer interessant, und der war damals noch weitaus größer als heute – und Ostpreußen wahrscheinlich eine der reizvollsten, jedenfalls aber exotischsten deutschen Provinzen. Vor allem für einen Rheinländer.

Mir imponiert, wie Sie historische Personen in den Fluss der Entwicklung einbauen, in Die Akte Vaterland beispielsweise Bayume Mohamed Husen. Werden wir ihm wieder begegnen?

Ja. Ich weiß noch nicht genau, in welchem Zusammenhang und wann, aber er wird wiederkommen.

Sie benutzen oft auch das Vokabular der Zeit: Backfisch, großjährig, Drahtesel, Neger. Was sind Ihre Hauptquellen dafür?

Hauptsächlich die Literatur der damaligen Zeit, die Romane der Neuen Sachlichkeit, aber auch zeitgenössische Zeitungsartikel oder Filme wie »Menschen am Sonntag« oder – und da sind wir wieder bei Kästner – Emil und die Detektive. Was den Alltag der damaligen Zeit angeht, war auch meine Großmutter – Jahrgang 1914 – eine unerschöpfliche Quelle. Leider ist sie vor kurzem gestorben.

Wussten Sie schon mit dem ersten Satz des ersten Buches, dass Sie eine Serie starteten?

Ja. Ich wusste da schon, dass ich Gereon Rath den tragischen und radikalen Wandel miterleben lassen wollte, den Deutschland vor und nach dem Jahr 1933 durchmachte und der schließlich die ganze Welt in die Katastrophe stürzen sollte. Einige Verlage hat aber, so fürchte ich, gerade diese Serienkonzeption abgeschreckt. Kiepenheuer und Witsch glücklicherweise nicht.

Die Qualitäts-Fernsehserie gilt momentan als eine der bedeutendsten Kunstformen. Ihre Rath-Romane sind ja nun ebenfalls eine Serie. Inwiefern also wurden Sie von amerikanischen Fernsehserien beeinflusst?

Die »Sopranos« waren für mich eine Art Erweckungserlebnis. Diese Serie brachte eine ganz neue Art, Geschichten zu erzählen, einen Ausbruch aus den herkömmlichen, tausendmal durchgekauten Dramaturgiemustern, derer sich Hollywood normalerweise bedient oder der herkömmliche deutsche Fernsehkrimi. Und das auf einem Niveau, auf dem kein Spielfilm mithalten kann. Ich weiß nicht genau, wie sehr dies mein Schreiben beeinflusst, und ich will Rath schon gar nicht mit den »Sopranos« vergleichen, die Messlatte ist viel zu hoch. Was ich aber sagen kann: Das Sopranos-Erlebnis hat mich in jedem Fall mutiger gemacht, am Ende eines Romans nicht jeden Faden zu Ende spinnen zu müssen. Ich erlaube mir den Luxus, einige dieser offenen Fäden erst ein oder zwei Romane später wieder aufzugreifen – oder eben auch gar nicht, wie es die denkwürdige Sopranos-Folge »Pine Barrens« vorgemacht hat.

»Pine Barrens« spielt, wie Raths Masurenausflug, ja auch fernab der eigentlichen Handlung, nämlich in den Wäldern – selbst Tony Soprano ist darin nur eine Nebenfigur, was den gerade angesprochenen Mut unterstreicht. Welche Serie halten Sie für die beste oder wichtigste?

Die wichtigste (jedenfalls für mich): »The Sopranos«. Die beste? Schwer zu sagen. »The Wire« oder »Breaking Bad« vielleicht, die sind tierisch gut erzählt. Und »Boardwalk Empire« wird von Staffel zu Staffel besser, mal schauen, was da noch kommt. Es gibt aber auch eine ambitionierte deutsche Fernsehserie, die ich hier nicht vergessen möchte: »KDD«, Kriminaldauerdienst, die war genial. Wurde vom ZDF leider nach drei Staffeln eingestellt. Ich hoffe, dass solche Projekte irgendwann einmal mehr Chancen im deutschen Fernsehen haben werden.

Für »The Wire«, auch eine meiner Lieblingsserien, schrieben einige der besten amerikanischen Krimiautoren – Pelecanos, Lehane, Price. Warum passiert so etwas bei uns nicht? Und: Könnten Sie sich vorstellen, an einer solchen Serie mitzuarbeiten?

Warum so etwas bei uns nicht passiert, das dürfen Sie mich nicht fragen, da bin ich der falsche Ansprechpartner. Aber man muss die Vorsicht der deutschen Film- und Fernsehproduzenten auch ein wenig verstehen: Gute Krimiautoren sind nicht immer automatisch auch gute Drehbuchautoren, man denke nur an die wenig erfreulichen Erlebnisse Billy Wilders mit Raymond Chandler. Um Ihre zweite Frage zu beantworten: Ja, ich könnte mir vorstellen, an einer ambitionierten Fernsehserie mitzuarbeiten, schon deshalb, weil ich mir eine Serie auf Sopranos-Niveau fürs deutsche Fernsehen wünschen würde. Am liebsten wäre mir allerdings, ein Team guter Autoren würde aus dem Gereon-Rath-Stoff eine solche Serie machen, und ich könnte diesen Kollegen beratend zur Seite stehen, mich ansonsten aber weiterhin meinen Romanen widmen.

Sie planen, Ihre Serie bis ins Jahr 1936 und also zu den Olympischen Spielen in Berlin zu bringen. Dass der nächste Band teilweise in Köln zur Karnevalszeit spielt, haben Sie bereits anderswo verraten. Auch, dass Gereon Rath es mit SA-Hilfspolizisten zu tun bekommt. Aber bei Ihrer behutsamen Erzählweise können da noch etliche Bände kommen. Können Sie den Umfang bereits absehen?

Ich denke, es dürften insgesamt so acht bis neun Bände werden. Aber ich möchte mich da auch nicht festlegen.

Und wissen Sie schon, welches Finale Ihre Serie nehmen wird?

Wie bei Harry Potter, alles schon eingetütet und eingeschlossen im Tresor? Nein. Ich weiß nur, wie es mit der deutschen Geschichte weitergeht, aber wie Gereon Rath sich weiter darin bewegen wird, das liegt noch weitgehend im Dunkeln. Da lasse ich mich lieber von Roman zu Roman überraschen.

Das Gespräch führte Matthias Kühn.

© Krimi-Couch 2013

Das Original-Interview finden Sie unter

http://www.krimi-couch.de/krimis/interview-mit-volker-kutscher.html

 

Sonntag — das digitale Magazin, 30. November 2014:

Herr Kutscher, Spielfilme haben Sie zu den Krimis inspiriert. Tom Tykwer macht nun aus den Büchern eine Serie. Wären Ihnen Kinofilme lieber?

Ein klares Nein. Die Fernsehserie ist das deutlich besser geeignete Format, um komplexe Geschichten zu erzählen, jedenfalls wenn sie der Tradition folgt, die David Chase mit den „Sopranos“ beim amerikanischen Sender HBO begründet hat.

Werden wir mit dem von Tykwer produzierten Format „Babylon Berlin“ etwas Ähnliches wie die Mafiaserie „Sopranos“ zu sehen bekommen?

Das strebt Tykwer jedenfalls an. Eine Serie auf solch einem Niveau, wie es die „Sopranos“ vorgegeben haben, fehlt dem deutschen Fernsehen ja noch, wenn auch Projekte wie „Kriminaldauerdienst“ oder „Im Angesicht des Verbrechens“ schon ein wenig in diese Richtung gezeigt haben. Tom Tykwer will diesen Weg nun etwas weiter und konsequenter gehen, und ich hoffe sehr, dass ihm das mit „Babylon Berlin“ gelingt. Ich könnte mir jedenfalls keinen besseren Showrunner und kreativen Kopf für solch ein Projekt vorstellen.

Drehstart ist Mitte nächsten Jahres: Arbeiten Sie am Drehbuch?

Nein. Bei solch einer Adaption ist es auch besser, den Blick von außen zuzulassen. Es geht schließlich nicht um ein Abfilmen der Romane, sondern darum, die Rath-Story in einem ganz anderen Medium und mit ganz anderen Mitteln zu erzählen, da lasse ich Tykwer und seinen Autoren freie Hand. Für mich ist es wichtig, dass der Geist der Rath-Romane gewahrt bleibt, aber da bin ich nach den bisherigen Gesprächen guten Mutes.

Wissen Sie eigentlich schon etwas über die Besetzung der Figuren? Wer wird Gereon Rath und Charly Ritter spielen?

Das Casting läuft derzeit, glaube ich, aber ich weiß noch nichts. Ich bin da genauso gespannt wie Sie.

Vor allem ist das Projekt eine internationale Koproduktion. Glauben Sie, Ihr Setting wird jenseits von Deutschland auf Interesse stoßen?

Ich hoffe schon. Berlin interessiert international, gerade auch in jenen Jahren, die ich in den Rath-Romanen beschreibe. Das ist ja nicht nur politisch eine hochspannende Zeit. Bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat das jüngst ganz gut funktioniert.

Bis heute gibt es im Ausland ein Interesse an der Zeitspanne des Nationalsozialismus. Bei Ihnen aber stehen weder der Faschismus noch der Zweite Weltkrieg im Mittelpunkt: Warum reflektieren Sie gerade diese Phase des Umbruchs am Ende der Weimarer Republik?

Weil das die entscheidende Phase ist. Wäre die Republik nicht kollabiert und hätten die Nazis sich dieses Machtvakuum nicht zunutze gemacht, müssten wir über das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg und die Schoah gar nicht reden, weil diese Dinge dann womöglich gar nicht passiert wären. Erst die Machtübernahme der Nazis hat die beiden größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts, den Krieg und die Schoah, möglich gemacht.

Die gängige Krimiliteratur porträtiert Polizisten meist als Felsen in der Brandung, denen das Leben zwar zugesetzt hat, die aber über allen Verdacht erhaben sind. Sie durchbrechen das Konzept mit Gereon Rath, der lügt, der laviert und in politischer Hinsicht ein gefährliches Desinteresse zeigt. Ist diese ambivalente, vielschichtige Figur Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ob Raths Charakterdefizite Grund für den Erfolg der Romane sind, das weiß ich nicht. Aber ich hätte ihn nicht anders schaffen können für das, was ich mit ihm vorhabe. Ich brauche jemanden, der verführbar ist, auch ein wenig naiv. Nur so funktioniert mein Versuchsaufbau, in dem Gereon Rath das wichtigste Versuchskaninchen ist. Ein weiterer Grund, warum Rath so ist, wie er ist: Ich mag keine aalglatten, mehr oder weniger fehlerlosen Superhelden, deren größter Fehler, wenn sie denn überhaupt einen haben, darin besteht, dass sie jede Frau ins Bett bekommen. Ich mag solche Figuren als Leser nicht, also schreibe ich auch nicht über sie. Selbst Charly, die ja noch die politisch weitsichtigste und charakterlich integerste meiner Figuren ist, hat ihre Schwächen und Fehler, sonst würde ich sie auch nicht mögen.

Sie beschränken sich nicht auf einen klassischen Whodunit, sondern die Hauptrolle in Ihren Romanen spielt die Lebenswirklichkeit der Zeit, über die Sie schreiben: Was ist der besondere Reiz dieser Zeitreise?

Ein bisschen Whodunit-Rätselraten ist bei mir durchaus dabei, aber es steht nicht im Mittelpunkt. Für mich ist die Zeitreise das Wichtigste, das Schildern des damaligen Alltags und der dramatischen politischen Veränderungen in Deutschland aus der Froschperspektive der Zeitgenossen. Ich habe etwas gegen die selbstgerechte Attitüde so mancher heutiger Besserwisser, die ohne jeden Hauch von Selbstzweifel davon ausgehen, dass sie im Dritten Reich wie selbstverständlich in den Widerstand gegangen oder wenigstens emigriert wären. Das ist eine arrogante Haltung, ein Luxus, den sich nur diejenigen erlauben können, die auf die Ereignisse 1933 aus dem sicheren Abstand der Spätgeborenen blicken — und mit dem Wissen, was danach alles geschah, ein Wissen, das die Zeitgenossen nicht hatten. Ein bisschen Nostalgie spielt natürlich ebenfalls eine Rolle, auch wenn ich nicht zu den Leuten gehöre, die der Meinung sind, das früher alles besser war. Gleichwohl war es eine elegante Zeit — in der Mode, der Musik, der Architektur und nicht zuletzt im Automobildesign.

In den vergangenen Jahren sind vermehrt historische Krimis und auch Romane erschienen, die mit tradierten Allgemeinplätzen über eine Epoche aufräumen. Ähnliches leisten Sie mit der Gereon-Rath-Reihe. Wollen Sie den Ruf der Weimarer Republik retten?

Ich möchte ihn jedenfalls etwas aufpolieren, denn ich mag die Weimarer Republik und viele ihrer Akteure. Die erste deutsche Demokratie war nicht so schlecht, wie sie häufig dargestellt wird, sie hätte eine bessere Zukunft verdient gehabt. Und mit ein bisschen Glück hätte sie die vielleicht auch haben können. Jedenfalls war es nicht von Anfang an klar, dass Weimar scheitern würde. Und noch weniger stand fest, dass ausgerechnet die Nazis die Demokratie nach ihrem Scheitern beerben würden.

Die amerikanischen Erfolgsserien schlagen einen großen Bogen, erzählen die Lebensgeschichten eines vielschichtigen Figurentableaus und erreichen eine ungeheure Dichte. War es Ihre Absicht, diese untergehende Epoche und die Metropole Berlin anhand eines solchen Ensembles zu schildern?

Die „Sopranos“ haben meine Art zu erzählen sicherlich beeinflusst, haben mir Mut gemacht, nicht alle Fäden am Ende eines Romans zu Ende zu spinnen, sondern auch Fragen offen zu lassen, um sie später wieder aufzugreifen — oder eben auch nicht. Und natürlich geht es mir auch darum, den dramatischen Wandel der Jahre vor und nach 1933 aus der Perspektive möglichst vieler und möglichst unterschiedlicher Figuren zu schildern.

Bei Ihnen kommt es in „Goldstein“ zum Gastspiel eines jüdischen Gangsters aus New York, und mit Johann Marlow haben Sie einen Berliner Unterweltboss installiert. Was reizt Sie daran?

Ich mag einfach den Typen des klassischen amerikanischen Gangsters. Jedenfalls als literarische Figur, im richtigen Leben möchte ich solchen Leuten nicht über den Weg laufen. Auch Johann Marlow ist so eine Figur, bei der das Geschäft im Vordergrund steht. Ein Geschäft, das nun mal illegal ist. Eine meiner ersten Triebfedern, die Rath-Romane zu schreiben, war der Wunsch, den amerikanischen Gangstermythos mit dem Mythos des Berlins der Zwanziger und frühen Dreißiger zu verschmelzen: Chandler meets Döblin.

Wie wird es mit der Reihe weitergehen?

Ich hangele mich da von Roman zu Roman. Bislang weiß ich nur, dass der nächste im Sommer 1934 spielt, dass es um kommunistischen Widerstand im Untergrund geht, um die Zerschlagung der Ringvereine, aber auch um den plötzlichen Bedeutungsverlust der SA und um die blutige Nacht der langen Messer, in der das Regime zum ersten Mal ganz ungeschminkt sein Gangstergesicht zeigte und es der Öffentlichkeit als Zerschlagung eines vorgeblichen „Röhm-Putsches“ verkaufte. Ansonsten weiß ich nur eines: Gereon Rath sollte diesen Fall überleben, damit er 1935 weiter ermitteln kann.

Die Fragen stellte Inge Wünnenberg.

© Verlagsgesellschaft Madsack 2014